Ein Spaziergang durch Kleinburg (Borek) – Sammlungen der Breslauer Juden

Veröffentlichungsdatum: 22 / 11 / 2010

Kleinburg (heute: Borek) wurde am Ende des 19. Jahrhunderts in die Stadt Breslau eingemeindet. Der luxuriöse Teil dieses Viertels war eine an den Südpark angrenzende Villensiedlung. Von dem zweiten Dezennium des 20. Jahrhunderts an entstanden in etlichen dort erbauten stattlichen Villen imposante Kunstsammlungen. Wenn diese Sammlungen bis in unsere Zeiten unversehrt erhalten geblieben wären, hätten sie ohne Zweifel die beste Galerie der impressionistischen Malerei in diesem Teil Europas gebildet.

Wir schlagen vor, den Spaziergang im Südpark zu beginnen, an dem die Villa angrenzt, die früher zu Max Silberberg, dem Besitzer einer der wertvollsten Kunstsammlungen in der Stadt gehörte (Landsbergstrasse 1-3, heute ulica Kutnowska; das Gebäude beherbergt heute u. a. das Breslauer Zentrum für Wissenschaft und Technologie Wrocławski Medyczny Park Naukowo-Technologiczny). Von dem Ende der 1920er Jahre war sie ein Ort der Begegnungen der Künstler und Kunstkritiker. Die Räume des Gebäudes verzierten zahlreiche Bilder von Impressionisten: Monet, Renoir, Degas Pissarro und Sisley. Im von August Endell, dem Direktor der Breslauer Kunstakademie, entworfenen Salon hingen Bilder von Cezanne, Renoir und van Gogh (siehe das Archivfoto). Die Zierde der Sammlung waren Werke von Delacroix, Corot, Courbet und Manet. Im Garten der Villa, heute leider zum Parkplatz umfunktioniert, befand sich eine Frauenfigur aus Terrakotta von Georg Kolbe.

Nicht weit, an der heutigen ulica Januszowicka 18 (früher Kleinbergstrasse, das Gebäude gehört einem privaten Besitzer) wohnte Carl Sachs. Die bis heute erhaltene Villa wurde für Sachs 1907 vom Architekten Fritz Behrendt entworfen. Die dort zusammengetragene Sammlung der Graphik und Zeichnungen gehörte zu den wichtigsten in der Stadt. Die Werke deutscher Künstler übergab der Besitzer 1931 an das Schlesische Museum der Bildenden Künste. Die Villa war mit hervorragenden Bildnissen von Renoir und Manet sowie Bildern von Delacroix, Pissarro, Courbet und Sisley ausgestattet. Im Besitz des Sammlers befanden sich auch zahlreiche Werke der deutschen Künstler: Max Liebermann, Carl Spitzweg und Wilhelm Leibl (siehe den Artikel über die Sammlung). Auf dem mit dem ehemaligen Garten von Sachs angrenzenden Grundstück erhebt sich die Villa von Emil Kaim (Nummer 16, heute im privaten Besitz). Auch dieser Industrielle und der bekannte Breslauer Bibliophile besaß Bilder berühmter Maler (u. a. Wilhelm Trübners und Lovis Corinths).

An der Nachbarstrasse, in der bis heute erhaltenen Villa an der Aleja Akacjowa 12 (Akazienallee, in dem Gebäude befindet sich British International School of Wrocław), deren Räume mit dem Zweck umgebaut wurden, eine Schau von einer großen Malerei-, Graphik- und Skulpturensammlung zu ermöglichen, wohnte Leo Lewin. Der Sammler kaufte 1917 ein Gebäude, das zehn Jahre früher von dem Breslauer Architekten jüdischer Abstammung Richard Ehrlich für den Konsul Fritz Ehrlich errichtet wurde. Für die Bedürfnisse Lewins umgestaltete die Innenräume der berühmte Berliner Architekt Oskar Kaufmann (siehe das Archivfoto mit der Nische zum Ausstellen der Graphik). In der Villa Lewin weilten in der Zwischenkriegszeit bekannte Künstler, darunter Max Slevogt und Max Liebermann. Ein Ergebnis dieser Besuche waren zahlreiche Bildnisse der Familienmitglieder. Lewin sammelte Bilder berühmter Impressionisten und zeitgenössischer Maler. In seiner Villa konnte man Landschaftsbilder von Courbet, Edvard Munch, Claude Monet, Cezanne und van Gogh bewundern. Daneben hingen Werke von Monet, Renoir, Pissarro, Corot und Picasso. Zu den Lieblingskünstlern Lewins gehörte der Breslauer Maler Adolph Menzel; der Sammler besaß ein paar Dutzend seiner Zeichnungen und das berühmte Bild „Prozession in Hofgastein” (siehe den Artikel über die Sammlung Lewins). In der Nachbarschaft an der aleja Lipowa (früher Lindenallee) unter der Nummer 12 wohnte der Besitzer einer Lokomotivenfabrik Leo Smoschewer (die Villa ist heute im Privatbesitz). Er war in das lokale kulturelle Leben engagiert, gehörte zu den Mitbegründern des Breslauer Jüdischen Museums. In der von ihm zusammengetragenen Sammlung befanden sich u. a. Bilder von den bei den Breslauer Kunstsammlern beliebten drei deutschen Impressionisten: Lovis Corinth, Max Slevogt und Max Liebermann sowie von Hans Thoma, Oskar Moll und Alexander Kanoldt.

Wie wichtig im Breslau der Vorkriegszeit die von den Juden zusammengetragenen Sammlungen waren, bezeugt die Tatsache, dass eine Reihe der Beiträge über lokale Sammler in den „Schlesischen Monatsheften” mit einem Artikel über die Sammlung Wilhelm Perlhöfters initiiert wurde. Dieser an der Kirschallee 22 (heute Aleja Wiśniowa, das Gebäude existiert nicht mehr) wohnhafte Industrielle war in der Stadt dank seiner Kunstgewerbesammlung, hauptsächlich mit Glas und Porzellan, die man nach 1929 teilweise in dem Jüdischen Museum besichtigen konnte. Den zu den Juden gehörenden Kunstsammlungen setzte die NS-Regierung ein Ende. Die meisten Kunstwerke wurden beschlagnahmt und an Kunstauktionen zwangsversteigert und vom Staat übernommen. Die Meisterwerke aus dem Besitz der oben erwähnten Sammler können heute in den renommiertesten Museumseinrichtungen besichtigt werden.

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