Botticelli in Reisewitz

Veröffentlichungsdatum: 13 / 12 / 2009

Beitragsverfasser:
  • Magdalena Palica

Am 22. August 1929 schrieb Bernard Berenson, der in seinem Brief an Joseph Duveen einige Gemälde aus der Sammlung der Familie der Grafen von Ingenheim erwähnte, folgende Worte: „Sogar eine Bildaufnahme schlechter Qualität lässt es zweifelsohne feststellen, dass diese zwei Bilder von niemandem anderen, als von Masolino da Panicale geschaffen worden waren – ich bitte Sie, machen Sie alles, was in Ihrer Macht steht, um diese beiden Werke Masolinos zu erwerben“.

Außer den Gemälden Masolinos (Erzengel der Verkündigung und Madonna), fanden auch andere Werke italienischer Renaissance-Meister, die an den Wänden des der Familie von Ingenheim angehörigen Schlosses in Reisewitz bei Neisse hingen, Anerkennung dieses hoch bekannten Kunsthistorikers. In der zweiten Hälfte der 1920-er Jahre, wahrscheinlich aufgrund der Weltwirtschaftskrise, entschloss sich die Familie, die wertvollen Kunstwerke zu Geld zu machen und öffnete ihre Türen den Vertretern der Kunsthandelsunternehmen u. a. der berühmten amerikanischen Handelsgesellschaft Duveen Brothers. Trotz langjährigen Verhandlungen mit zahlreichen Kunsthändlern bezüglich Botticellis Tondos Madonna mit dem Kind, hl. Johannes dem Täufer und Engel, wurde wegen des von den Besitzern verlangten zu hohen Preises kein Verkaufsvertrag abgeschlossen. Das Bild wurde während des zweiten Weltkriegs im Auftrag des Provinzialkonservators im Lagerhaus in Kamenz gesichert, wo welchem es 1945 in das Nationalmuseum in Warschau verlagert wurde.

Der Begründer dieser eindrucksvollen Kunstsammlung, die sich bis zum zweiten Weltkrieg im Schloss Reisewitz befand, war der 1789 geborene Gustav Adolf von Ingenheim, Sohn des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. und der Hofdame Julia von Voss. Der in Hofkreisen erzogene Jüngling war von Anfang an für eine Beamtenkarriere bestimmt. Dabei gelang es ihm, die Stelle eines ordentlichen Geheimrats im Dienste seines Stiefbruders, König Friedrich Wilhelm III., zu bekommen.

Nach dem Ende der napoleonischen Kriege wurde der Graf demobilisiert und beschloss, sich seiner echten Leidenschaft, nämlich dem Sammeln der Kunstwerke zu widmen. Sein Interesse für die Kunst Italiens, vervollständigt durch Studium und Reise nach Italien unter Begleitung Aloys Hirts, eines der wesentlichsten zeitgenössischen Sachenkenner, ermöglichte dem Grafen die Aufnahme in die Expertengruppe, der die Erwerbung neuer Kunstwerke in Italien für neu entstandene Berliner Museen anvertraut wurde. Von 1816 bis 1825 blieb der Graf im königlichen Dienst, bereicherte gleichzeitig seine imposante Gemälde- und Antiquitätensammlung und unterstützte einige Künstler mit finanziellen Mitteln. Die für die meisten Kunstsammler des 19. Jahrhunderts häufige Absicht, eine ideale Kunstgalerie, in der jede künstlerische Epoche durch ihre würdige Vertreter repräsentiert wird, zu schaffen, lag Gustav Adolf von Ingenheim sehr nahe, seine größte Leidenschaft war jedoch die italienische Renaissancemalerei. Über die Hälfte der um 140 vom Grafen gesammelten Gemälde wurde von italienischen Meistern geschaffen. Die Analyse seiner Sammlung und die Verifizierung früherer Zuschreibungen bestätigt die gute Kenntnis des Sammlers sowie sein erfahrenes Auge für die ältere und auch zeitgenössische Kunst. Die Meisterwerke, die er für seine Sammlung erwerben konnte, wie z. B. das Tondo Botticellis, heute eine Zierde der Galerie der Europäischen Malerei im Nationalmuseum in Warschau, legen davon ein vollkommenes Zeugnis ab. Erwähnenswert sind Gemälde der italienischen Primitiven, ganz besonders zwei Bilder aus dem Sakristeischrank aus der Florentiner Basilika Santa Croce, gemalt von Taddeo Gaddi, welche schon von Vasari (damals als Werk des genialen Giotto) bewundert wurden. Zu nennen ist auch Madonna von Bernardo Daddi, die die verdiente Begeisterung Bernard Berensons erweckte. Im Besitz von Ingenheims befanden sich auch Gemälde solcher Meister wie Giovanni Bellini, Masolino da Panicale, Fra Angelico oder Filippino Lippi, die heute in prominentesten amerikanischen Kunstsammlungen aufbewahrt werden. Der Graf kante sich hervorragend in ästhetischen Tendenzen zu Bewinn des 19. Jahrhunderts aus – in seiner Sammlung befanden sich auch die Cassoni-Gemälde, die erst damals Anerkennung der Kunstsammler fanden. Als eine Art Ergänzung der hervorragenden Gemäldesammlung alter Meister galten die von Ingenheim im Auftrag gegebenen Werke von zeitgenössischen Malern, z. B. von Franz Catel, Martin von Rohden, darunter italienische Landschaften und biblische Szenen.

Graf von Ingenheim ergänzte seine Sammlung während seiner Reise nach Italien. Seinem Aufenthalt in Rom verdankte er zahlreiche Bekanntschaften, auch im Vatikanischen Kreis. Als Zuschauer nahm er an kirchlichen Feierlichkeiten teil, z. B. an der Fronleichnamsprozession und durfte auch die Kapitol-Museen im Fackellicht besichtigen, was nur speziellen Gästen vorbehalten war. Nach dem Tod Pius VII. gelang es dem Grafen, zumindest ein Gemälde aus dem päpstlichen Nachlass für seine Privatsammlung zu erwerben. Gemälde und Antiquitäten kaufte er ebenfalls in römischen Antiquariaten und Residenzen hervorragender Geschlechter, wie Colonna oder Vescovali. Von Ingenheim bereicherte seine Sammlung auch um antike Statuen und Gefäße, u. a. dank den Aufenthalten in Neapel. In seinem Bestand waren ungefähr 180 Objekte vorhanden, vor allem die römischen Antiquitäten: Marmorstücke und süditalienische Keramik, aber auch etruskische und ägyptische Kunstgegenstände. Mehr als 40 Objekte davon, aus einem Sammlungsteil stammend, der noch zu Ingenheims Lebenszeiten verkauft wurde, befinden sich heute im Berliner Alten Museum.

Allgemeines Ansehen brachte dem Grafen von Ingenheim, außer der intensiv betriebenen Sammlungstätigkeit, das kulturelle Wirken und die Unterstützung der Künstler und Forscher. Über Jahre gewährte er dem in Rom ansässigen Maler und Dichter Friedrich Müller finanzielle Unterstützung. Er sicherte die materielle Existenz und sorgte für richtige Ausbildung des aus einer Künstlerfamilie stammenden und frühzeitig verwaisten Buonaventura Genelli. Er machte den jungen Maler mit den hoch bekannten Künstlern bekannt, besuchte ihn bei seiner Arbeit und kontrollierte damit seine Fortschritte. Graf von Ingenheim war ebenfalls häufiger Gast in Künstlerateliers, machte z. B. einen Besuch bei Martin von Rohden, als dieser das vom Grafen beauftragte Gemälde, die Wasserfälle in Tivoli darstellend, schuf. Moritz Daniel Oppenheim und Franz Ludwig Catel konnten ebenfalls auf Unterstützung des Grafen rechnen. Von Ingenheim beauftragte sie nicht nur mit der Anfertigung neuer Gemälde, er konnte auch, dank seinen Bekanntschaften am preußischen Hof, neue Interessenten an ihren Werken finden. Die Verwandtschaft mit dem König von Preußen nutzend, strebte er nach Sicherung der Finanzmittel für die Forschungen des bekannten Archäologen Eduard Gerhards.

Von den Beziehungen des Grafen zu den Künstlern zeugen zahlreiche ihn darstellenden Bildnisse. Die bekanntesten stammen von Johann Erdmann Hummel. Eine Büste des Grafen, gemeißelt von Christian Daniel Rauch, mit dem Ingenheim in langjähriger Bekanntschaft blieb, ist bis heute erhalten geblieben. Es ist bekannt, dass Ingenheim auch Berthel Thorvaldsen als Modell stand; das belegt der Briefwechsel zu diesem Thema. Ingenheim wurde auch von anderen Künstlern porträtiert: z. B. vom Bildhauer Emil Wolff sowie von den Malern Wilhelm Hensel und Paul Habelmann. Er wurde oftmals in Tagebüchern der zeitgenössischen Künstler erwähnt. Er wurde als hervorragender Gastgeber des abwechselnd in Berlin und Rom geführten Kunstsalons geschildert, in welchem man an üppig gedeckten Tischen Kammerkonzerte und Vorträge hören konnte. Das Tagebuch Schinkels beispielsweise ist reich an Vermerken über Ingenheim. Im Eintrag vom September 1824 finden wir folgende Notiz: „Wir standen früh auf, damit wir uns nach Pompeji aufmachen, wo Graf von Ingenheim, ein üppiges Frühstück geben wollte. (Wir besichtigten die Gräberstraße, Häuser mit Gemälden und Mosaiken, Theater, Forum). In der so genannten Gladiatorenkaserne, die doch heute als Marktplatz verwendet wird, steht eine riesige Trauerweide, darunter ein langer Marmortisch, auf dem das Frühstück aufgesetzt und auf frischer Luft verzehrt wurde. Auch die ausländischen Weinsorten und Sekt mit Eis fehlten dabei nicht. Das Frühstück reichte für den ganzen Tag“.

Nach dem Tod Ingenheims wurde die Kunstsammlung seinem Willen gemäß unter seine vier Nachkommen verteilt. Wegen des frühzeitigen Todes zweier von ihnen kam die Sammlung in die Hände der Brüder Julius und Franz von Ingenheim, die sich in Schlesien niederließen: in Hirschberg und Reisewitz bei Neisse. Nicht allzu weit von dem Schloss von Ingenheims zu Reisewitz befindet sich die zerstörte Familienkapelle. Dort wurden die Gebeine des Begründers des Geschlechts beerdigt, worüber in der Inschrift auf der gebrochenen Grabplatte informiert.

Der Beitrag entstand anhand der Dissertation von M. Palica, Gustav Adolf von Ingenheim (1789-1855) – Sammler und Mäzen, Wrocław 2009 (Maschinenschrift im Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Wrocław)

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