Das „Porträt des Ludwig Simon” von Carl Philipp Fohr – Geschichte einer Zeichnung

Veröffentlichungsdatum: 26 / 08 / 2010

Beitragsverfasser:
  • Magdalena Palica

Das meisterhafte Porträt, gezeichnet von einem hoch bekannten Nazarener Carl Philipp Fohr, gelangte ein paar Jahre nach seiner Entstehung nach Schlesien, wo es bis zum Zweiten Weltkrieg durch fünf Generationen Breslauer Künstler und Kunstsammler genossen werden konnte.

Die Geschichte jener Skizze kann von ihrer Entstehungszeit bis einschließlich heute verfolgt werden, was bei den im 19. Jh. entstandenen Kunstwerken nicht oft der Fall ist. Das Nachdenken über ihrer Schicksal, das als Tätigkeitsbeweis des Breslauer Sammlermilieus gelten kann, bietet gleichzeitig Gelegenheit zur Erwähnung einiger bereits vergessener Sammlerpersönlichkeiten.

Der erste Inhaber der Zeichnung Fohrs war der in Oppeln geborene Carl Herrmann (1791-1845). Während seines Studiums an der Berliner Akademie der Bildenden Künste gelang es ihm, das Stipendium für eine Reise nach Rom zu erhalten, wo er im Oktober 1817 eintraf und seine Ausbildung über drei weitere Jahre fortsetzte. Herrmann weilte dort im Kreis der angesehenen deutschen Künstler, die sich im Café Greco trafen (unter ihnen waren z. B. Friedrich Overbeck, Peter von Cornelius, Julius Schnorr von Carolsfeld sowie Joseph Anton Koch). Er hielt eine enge Freundschaft mit dem vorzeitig gestorbenen Fohr. Während seines Aufenthalts in Rom verfeinerte Herrmann nicht nur seine Kunstfähigkeiten (als Beweis dafür gilt z. B. das Zeichnungsporträt des Papstes Pius XII., später im Kupferstich kopiert), sondern versammelte auch Zeichnungen von bekannten Künstlern, die ihm nach seiner Rückkehr in die Heimat als Inspirationsquellen galten. In seinen Besitz gelangte u. a. jene 1816 datierte Skizze Fohrs, die heute Zierde des Detroit Institute of Arts ist. Sie zeigt die Büste des Künstlers Freundes, des Theologiestudenten Ludwig Simon. Der Jüngling trägt das historisierende Kostüm der studentischen Brüdergemeinschaft „Teutonia“; im Hintergrund ist ein Teil des Heidelberger Schlosses erkennbar. Nach dem tragischen Tod Fohrs im Jahr 1818 ergänzte Herrmann die Skizze auf ihrer Rückseite mit der Aufschrift: „Bildnis eines spanischen Studenten von Heidelberg. Die Zeichnung durch meinen geliebten Freund Carl Philipp Fohr geschaffen, der am Tag des hl. Petrus 1818, bei der Ponte Molle, in der Tiefe des Tibers ertrunken ist“ (Simon wurde im spanischen Cádiz geboren). Ernst Scheyer, Verfasser der ersten Monographie von Herrmann, vermutet, er soll die Werke Fohrs an der Kunstauktion nach dem Tod des letzteren erworben haben. Es ist bekannt, dass Herrmann außer dieser Skizze auch andere Zeichnungen desjenigen Künstlers aus Rom gebracht hat. Außer denen gelangten in seine Sammlung zahlreiche Bilder vom Maler Gustav Heinrich Naeke aus Dresden, die nachher in die Breslauer Sammlung des bekannten Museenarbeiters Erwin Hintzes gelangten.

Die Sammlung Herrmanns war anfangs in seiner Geburtsstadt aufbewahrt, seit 1826 wiederum in Breslau, wohin der Künstler mitsamt seiner Familie übersiedelte. Nach seinem Tod wurde jene Sammlung wahrscheinlich verstreut. Die Zeichnung Fohrs, die den Studenten Simon zeigte, gelangte in den Besitz des in Breslau geborenen Malers Raphael Schall (1819-1859). Unter den Auftraggebern Schalls ist ein örtlicher Kunstsammler zu nennen – nämlich der Bischof Heinrich Förster. Wir wissen jedoch nicht, wegen magerer Quellenangaben zur sammlerischen Tätigkeit des Künstlers, ob und inwiefern die Tätigkeit Försters in demselben Bereich ihm als Inspirationsquelle gelten konnte. Die zweifelsohne qualitätsvolle Zeichnung Fohrs war für Schall, der seine Kräfte im Porträtbereich erfolgreich versuchte (worauf u. a. die zahlreichen Bildkompositionen seiner Urheberschaft, präsentiert 1935 in der monographischen Ausstellung des Schlesischen Museums der Bildenden Künste in Breslau hinweisen), von hohem Wert.

Weiterer Besitzer derselben Zeichnung war der Breslauer Vedutenmaler Adelbert Woelfl (1823-1896), auch ein begeisterter Sammler. Außer der Skizze Fohrs besaß er u. a. die Werke von Schall sowie die Bilder von Johann Heinrich Christian König und seinem Schüler Amand Augustin Zausig. Die Sammlung Woelfls wurde nach dessen Tod auf den Wert von 15000 RM geschätzt. Ein Teil der durch ihn versammelten Werke gelangte damals in den Besitz der bekannten Breslauer Sammler: des Ehepaars Neisser (Toni Neisser erwarb bei einer Versteigerung u. a. zwei Aquarellskizzen Fohrs, mit Darstellungen der Landschaften aus der Gegend von Subiaco, die vorher zu Carl Herrmann gehört hatten), des Kaufmanns Wilhelm Perlhöfter und des Juristen Eduard Feige. Die heute im Detroit Institute of Arts aufbewahrte Skizze Fohrs wurde durch den letzteren an der Auktion des Woelfls Nachlasses erworben. Die in seiner Wohnung in der Oranienstraße 30 (heute ul. Wandy) aufbewahrte Sammlung war recht zahlreich, deren Zierde bildeten u. a. die Zeichnungen Carl Herrmanns, die Kopien der Werke von altitalienischen Künstlern waren und nicht zuletzt die Bilder von Schall und Zausig; ein Teil derer hatte vorher sicherlich zu Woelfl gehört. Der letzte Privatinhaber der Zeichnung mit Darstellung des Studenten Simon war der Breslauer Museenarbeiter Ernst Scheyer. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er, nach der Machtübernahme durch die Nazis im Jahr 1933, zur Ausreise aus Deutschland gezwungen. Trotz der Zwangsauswanderung setzte Scheyer seine Forschungen über schlesische Kunst fort. Er ließ sich in Detroit nieder und verkaufte 1960 dem dortigen Museum jene wertvolle Skizze Fohrs, die über viele Jahre die Breslauer Privatsammlungen verzierte.

Literatur:

Hanna Grisebach, Adelbert Wölfl, In: Schlesische Lebensbilder, Bd. 4, Breslau 1931, S. 363-373

Ernst Scheyer, Aus Carl Fohrs künstlerischer Hinterlassenschaft. Zu zwei unbekannten Arbeiten des Künstlers aus schlesischem Besitz, In: Neue Heidelberger Jahrbücher, N. F. (1932), S. 82-90

Ernst Scheyer, Schlesisiche Malerei der Bidermeierzeit, Frankfurt am Main 1965

Karl Philipp Fohr (1795-1818), hg. von Joachim Ziehmake, Frankfurt am Main 1968

Für alle Informationen, die beim Schreiben dieses Beitrags hilfreich waren, möchte ich mich bei Frau Dr. Joanna Lubos-Kozieł und bei Herrn Dr. Piotr Łukaszewicz herzlich bedanken.

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