Den Haag in Kamenz, d. h. über den holländischen Vedutenzyklus aus dem Kamenzer Schloss

Veröffentlichungsdatum: 17 / 03 / 2010

Beitragsverfasser:
  • Hab. Dr. Andrzej Kozieł

Unsere Kenntnis in der ehemaligen Innenausstattung des Schlosses in Kamenz ist indirekt proportional zur Kenntnis in der Architektur dieses europäischen Meisterwerkes der Neogotik. Soweit die Entstehungsumstände, Baugeschichte und architektonische Formgenese des Schlosses, das 1838 von Karl Friedrich Schinkel für die Fürstin Marianne von Oranien-Nassau entworfen wurde, in zahlreichen und erschöpfenden Veröffentlichungen aufbereitet worden ist, sofern bilden die einzige Quelle über die Innenausstattung der Kamenzer Residenz, einige Aufnahmen aus der Vorkriegszeit sowie ein kurzer Bericht Günther Grundmanns in seinem Erinnerungsband aus 1972. Der Verfasser erwähnt einige Renaissancemöbel sowie klassizistische Ausstattungsstücke, die ebenfalls nach dem Entwurf Schinkels hergestellt wurden. Die Innenwände waren mit Stadtansichten von Berlin und Haag, sowie mit zahlreichen Porträts der Geschlechtsvertreter von Oranien-Nassau und Hohenzollern von Friedrich Bury, Karl Begas und Franz Krüger verziert.

Die übereilte Evakuierung der Schlossinhaber im Jahr 1944 sowie die spätere Plünderung, Brand und Zerstörung der verlassenen Residenz, trugen dazu bei, dass die von Grundmann erwähnten Innenausstattungsstücke, überwiegend zersplittert und höchstwahrscheinlich vernichtet wurden. Einen der unzahlreich erhaltenen Ausstattungsteile des Kamenzer Schlosses, bilden sieben Landschaftsbilder, die heute im Besitz des Neisser Stadtmuseums sind. Die zweifelsohne demselben Zyklus angehörigen Veduten, den Künstlersignaturen nach, wurden 1830 von drei Malern geschaffen, und zwar von Bartholomaeus Johannes van Hove (4 Gemälde), von Andreas Schelfhout (2 Bilder) und von Antonis Waldorp (1 Gemälde). In allen erwähnten Malkunstwerken aus Kamenz, sind die tatsächlichen Stadtteile aus dem 19. Jh., sowie die zeitgenössischen Stadtrande von Haag glaubwürdig geschildert.

Da genießen zahlreiche Schlittschuhläufer den Nachmittagsschlittschuhlauf auf dem vereisten Teich Hof Vijver, daneben, im Schatten der Regierungsgebäude Binnenhof, gleitet durch Eisloch ein Boot, in die Richtung des westlichen Ufers und höchstwahrscheinlich des Turms der St. Jakobskirche (Groote Kerk). Denselben Teich Hof Vijver, diesmal in der Sommerzeit, sehen wir noch einmal im Hintergrund des Platzes Het Buitenhof, zwischen dem von Abendsonne beleuchteten Het Stathouderlijk Kwartier und der durch Bäume verschatteten Fürstengalerie Willems V. Jetzt reichen zwanzig Schritte in die Richtung Ufer und eine Wendung nach links, um die verschattete Ansicht der prunkvollen Uferbautenfassaden des Platzes Het Buitenhof, von Norden mit schlichtem Gebäude des Gefängnistors (Gevangenpoort) geschlossen, zu genießen. Wir entfernen uns vom Stadtzentrum – in der Straße Korte Voorhout, die in Richtung Haager Wald (Het Haagse Bos) führt, findet gerade der Wachmannschaftwechsel an der Stadtwache. Einige Fußgänger schützen sich vor der Morgensonne im Schatten der Bäume. Einige hundert Meter weiter, im Haager Wald, bummeln zahlreiche Spaziergänger um einen kleinen Teich, unter alten, breitkronigen Bäumen, über denen, in der Ferne das Kuppeldach des Palais Huis ten Bosch auftaucht. Auf der Stadtnordseite, in der vom Zentrum ins Scheveningen führenden Prinse Straat, vollzieht sich das alltägliche Abendritual, das so ständig und unverändert wie der im Hintergrund sichtbare Turm der St. Jakobskirche (Groote Kerk) ist. Endlich erscheint auch das Meer – die Fischer im Sonnenuntergang ziehen ihre Boote auf die Sandküste auf, bis zu den Dünen, über denen der Zentralbau Het Paviljoen van Wied ragt, in der Tiefe hingegen zeichnen sich der Turm der Pfarrkirche und die Dächer von Scheveningen. Drei Schöpfer des Kamenzer Zyklus der Ansichten von Haag und Gegend: Bartholomaeus Johannes van Hove (1790-1880), Andreas Schelfhout (1787-1870) und Antonis Waldorp (1803-1886), gehörten einst zu den höchst angesehenen und gepriesenen holländischen Landschaftsmalern des 19. Jh. Sie waren Mitglieder der Königlichen Akademie der bildenden Künste und des Königlichen Holländischen Instituts, erhielten einst königliche Orden und Ehrenmedaillen der holländischen Künstlervereine, gewannen zahlreiche Preise in den Landes- und Auslandsausstellungen, gehörten auch zu den Hofslieblingen von Oranien.

Der Vedutenzyklus mit Stadtansichten von Haag und Umgebung, wurde ursprünglich nicht für das Kamenzer Schloss bestimmt. Die Entstehungszeit der Bilder, acht Jahre bevor der Schlossbau begonnen wurde, lässt keine Zweifel übrig. Die Veduten gelangten nach Kamenz höchstwahrscheinlich erst nach 1855, indem Marianne von Oraniens Sohn und Erbe von Kamenz, Fürst Albrecht, mit der Ausschmückungsarbeiten der Schlossinnenräume begann. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Stadtansichten von Haag, eine Zierde des nicht mehr existierenden Palais des Prinzen Albrecht in der Berliner Lindenstraße, wo sie auf Veranlassung von Marianne von Oranien-Nassau, Tochter des holländischen Königs Willem I. gelangten, die am 14. September 1830 den Fürsten Friedrich Heinrich Albrecht, den jüngsten Sohn des preußischen Königs Friedrich Wilhelms III. heiratete. Die Serie von Ansichten der am öftesten besuchten Orte der holländischen Hauptstadt, d.h. Haag und dessen Gegend, entstand im Auftrag des holländischen königlichen Hofes, der gerade mit der Trauung Marianne von Oraniens und derer Ausreise nach Berlin verbunden war.

Die Einbeziehung durch den Fürsten Albrecht, in die Innenausstattung der Kamenzer Residenz, des Vedutenzyklus mit Stadtansichten von Haag, gemalt von holländischen Künstlern, war zweifellos ein bewusstes Verfahren, von wichtiger ideeller Bedeutung. Die besagten Stadtansichten der niederländischen Hauptstadt, mitsamt den von Grundmann erwähnten, teilweise erhaltenen Bildnissen der Familienmitglieder von Oranien, gemalt vom Hofmaler König Willems I., Jan Baptist van der Hulst sowie mit den Wandgemälden mit Gastmahl bei Balthasar und Hochzeit in Kana, die 1863-1864 von dem nach Kamenz eingeladenen Maler Kleijn van Brandes, bildeten in der Ikonozone des Innenraums der Kamenzer neogotischen Residenz, ein lesbares Sinnbild der niederländischen Wurzeln der Seitenlinie von Hohenzollern, deren Vertreter Fürst Albrecht war. Die abnehmende politische Bedeutung dieses Zweigs des königlichen Geschlechts, wurde mit den Bildern der ehemaligen Ehre und Pracht der Vorfahrer verschleiert. In diesem Kontext, erscheinen die gemalten Stadtansichten von Haag, nicht nur als romantische „Erinnerungsansichten“ der Stadt der Fürstin Marianne von Oranien-Nassaus Jugend, sondern als Bilder ehemaliger Herrschaft – Pendants aus dem 19. Jh., von Veduten mit Güterdarstellungen eines herrschenden Geschlechts, so oft in den frühneuzeitlichen Residenzen der Könige und Herzöge getroffen.

Der Text entstand anhand des Beitrags:

Andrzej Kozieł, Haga w Kamieńcu Ząbkowickim, czyli kilka słów o cyklu holenderskich wedut z kamienieckiego pałacu, In: Marmur dziejowy. Studia z historii sztuki, hrsg. von Ewa Chojecka u. a., Poznań 2002, S. 389-398.

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