Die Villa Ingenheim in Hirschberg

Veröffentlichungsdatum: 13 / 12 / 2009

Beitragsverfasser:
  • Magdalena Palica

Zwei Gebäude in Deutschland tragen noch heute den Namen „Villa Ingenheim“. Das Eine befindet sich am Havelufer in Potsdam, das Andere in Wiesbaden. Beide sind unmittelbar mit dem bedeutendsten Vertreter des Geschlechtes derer von Ingenheim verbunden, dem Kunstsammler Gustav Adolf von Ingenheim, nach dem die Häuser benannt wurden (mehr von ihm im Beitrag „Botticelli in Reisewitz“). Mit demselben Namen sollte ein anderes Gebäude bezeichnet werden, welches Ende des 19. Jahrhunderts in Hirschberg (Jelenia Góra) an der Kreuzung der ehemaligen Stonsdorferstrasse (heute ulica Mickiewicza) und der Wilhelmstraße (heute ulica Wojska Polskiego) erbaut wurde.

Über seinem Haupteingang wurden zwei Wappenkartuschen angebracht, links das Familienwappen derer von Ingenheim, rechts das Wappen der Stadt Hirschberg. Das gleiche Wappenpaar ziert die Fassade an der Wilhelmstrasse. An der gleichen Gebäudeseite, in einem Tympanon über der zweiten Etage, in einer verzierten und von zwei Putten gestützten Kartusche befindet sich das Initial „E“. Es bezieht sich auf die ehemalige Besitzerin der Villa, Elisabeth Mikusch von Buchberg, Gräfin von Ingenheim. Am Anfang des 20. Jahrhunderts vererbte sie einen Teil der Gemäldesammlung, die von ihrem Großvater Gustav Adolf von Ingenheim zusammengetragen wurde.

Die erhaltenen Archivaufnahmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen die prunkvoll ausgestatteten Innenräume, die den ästhetischen Geschmack ihrer Besitzer widerspiegeln. Die geräumigen Zimmer mit großen Fenstern, belebt durch gemusterte Tapeten, Teppiche, reich gefaltete Vorhänge und Dekorationsstoffe, bargen dekorative Möbelstücke, überfüllt mit zahlreichen eingerahmten Fotografien, Gefäßen, Porzellanstatuetten und anderen Nippsachen. Unterhalb der ornamentierten Decken hingen prachtvolle Kronleuchter; die Wände waren mit vielen, dekorativ eingerahmten Gemälden, Spiegeln und Fotoaufnahmen bedeckt. Am repräsentativsten war jedoch der Zimmerflucht im Piano-nobile-Geschoss, mit einem Prunksalon in der Hauptachse, an der Fassade durch ein dreiteiliges Fenster und durch das schon erwähnte Initial „E“ akzentuiert. In diesen Sälen befand sich eine kleine Gemäldesammlung, deren wichtiger Bestandteil die Ahnengalerie war. An der Westwand des Salons wurde das Bildnis Friedrich Wilhelms II., des Vaters von Gustav Adolf, gemalt von Anton Graff, präsentiert. Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals war ein radiertes Bildnis zu sehen, das Jules von Ingenheim darstellte, den Vater von Elisabeth Mikusch von Buchberg. Ein weiteres Porträt des Grafen - in Dreiviertelansicht im Landschaftshintergrund - sowie das stilistisch nahe Bildnis seiner Gattin Elisabeth, geborene Stolberg-Stolberg, befanden sich in einem anderen Saal.

Das Bildnis ihrer Tochter, die auch den Namen Elisabeth trug, wurde im Zimmer auf der Südseite des Salons angebracht. Unterhalb des Büstenporträts der Gräfin im ovalen Rahmen waren drei Fotoaufnahmen zu sehen, die sicherlich ihre drei Kinder darstellen: Elisabeth, Emich und Bianca.

Die Gesamtanzahl der in der Hirschberger Villa ausgestellten Porträts, die der Sammlung von Gustav Adolf entstammen, betrug sicherlich circa dreißig Stück. Einige von ihnen bildeten die Galerie der Vorfahren und anderer bedeutenden Persönlichkeiten, die schon erwähnt wurden. Die Gemäldesammlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den Besitz von Elisabeth Mikusch von Buchberg und ihrem Ehemann kam, widerspiegelte stark den Charakter der gesamten Sammlung Gustav Adolf von Ingenheims. Es waren in ihr vor allem Gemälde alter italienischer Meister, insbesondere der Frührenaissancemaler, genannt primitivi, vorhanden. Unter diesen sind vor allem zwei kleinformatige Evangelistenbilder zu nennen, die dem sienesischen Maler Simone Memmi zugeschrieben werden, sowie die Darstellung einer thronenden Madonna, bezeichnet als „die byzantinische Schule“. Es ist gelungen, den aktuellen Aufbewahrungsort des letzteren Bildes zu ermitteln – dieses kleinformatige Flügelaltärchen, zur Privatandacht bestimmt, der Werkstatt Bernardo Daddis zugeschrieben, befindet sich im Metropolitan Museum of Art in New York.

Auch die Quattrocento-Malerei, darunter die besondere Bildgattung cassoni, erfreute sich des großen Interesses des Sammlers. Von Ingenheim ist es gelungen, zwei Gemälde zu erwerben, die ursprünglich Sandro Botticellis zugeschrieben wurden, heute als Werk des so genannten Meisters der Argonautentafel bezeichnet werden und jetzt in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen sind. Diese Gemälde, wahrscheinlich aus Anlass einer Trauung in der Familie Medici entstanden - worauf die Wappen dieser Familie hinweisen - stellen die Liebesgeschichte von Amor und Psyche dar. Unter anderen italienischen Werken befanden sich ein Paar von Bildern Raffaellino del Garbos (Verkündung und Wunder vollzogen von einem unbekannten Heiligen) sowie die großformatige „Madonna, ihren Gürtel dem hl. Thomas übergebend“, welches im 19. Jahrhundert Filippo Lippi zugeschrieben wurden, heute aber Michelangelo di Pietro Mencherini zugeordnet wird (im Ringling Museum of Art in Sarasota).Diese Gemäldegruppe schloss ein kleinformatiges Bild mit der Darstellung „Haupt hl. Johannes des Täufers in einer silbernen Schüssel“, welches Annibale Carracci zugeschrieben wird. Die Werke der nordeuropäischen Malerei, deren Anzahl in der ursprünglichen Sammlung bedeutend kleiner war, wurden in der Hirschberger Sammlung lediglich durch einige Beispiele vertreten. Dazu gehörten die „Versuchung des hl. Antonius in der Wüste“, im Inventar Pieter Breughel zugeschrieben sowie die „Landschaft mit Rittern und Dorfleuten“, Paul Bril zugewiesen. Eine weitere Landschaft wurde mit Gaspar Poussin zugeschrieben („Eine große Landschaft“) und sollte, den Quellen nach, aus dem Palazzo Colonna in Rom stammen.

Die Malerei alter Meister wurde durch Werke der deutschen, am Anfang des 19. Jahrhunderts tätigen Künstler ergänzt. Von Ingenheims Interesse erweckten vor allem die Landschaftsbilder, die von den in Rom tätigen Malern geschaffen wurden. Gustav Adolf war oftmals Freund und Mäzen dieser Künstler, weswegen man die im Inventar verzeichneten Bilderzuschreibungen als sicher bezeichnen darf. Beispiel eines solchen Werkes ist Ansicht Sorrentos von Florian Großpietsch. Zwei andere Landschaftsbilder aus der Hirschberger Sammlung schuf der Maler Janus Genelli. Eines stellt die Ansicht von Karsbad, das Andere die Ansicht von Buchenwald dar. Das letzte der erwähnten Gemälde ist besser bekannt dank der Beschreibung Lionel von Donops (Kunsthistoriker mit der Berliner Nationalgalerie verbunden), der um 1900 öfter die Hirschberger Villa Elisabeth Mikusch von Buchbergs besuchte. In ihrem Besitz befanden sich auch die Gemälde Friedrich Burys und Paul Milis, die Gustav Adolf von Ingenheim persönlich kannte. Das einzige Gemälde des 19. Jahrhunderts aus der Hirschberger Sammlung, welches heute wiedergefunden werden konnte, ist die Komposition von Johann Erdmann Hummel, inspiriert durch die Erzählung E. T. A. Hoffmanns, mit dem Titel La Fermate oder Gesellschaft in einer italienischen Locanda. Das Gemälde wurde bald nach seiner Vollendung, wahrscheinlich Anfang 1814, durch Gustav Adolf von Ingenheim erworben und im Frühling desselben Jahres wurde es in der Berliner Kunstausstellung präsentiert, wo Hoffmann es sich ansah. Das Gemälde schmückte die Villa von Ingenheim bis spätestens 1925 (im Künstler-Lexikon Thieme/Beckers, herausgegeben in demselben Jahr, wird als Bildinhaber Major Mikusch von Buchberg genannt), damals wurde es durch die Neue Pinakothek in München gekauft. Auf dem Foto, das die Nordwand des Salons darstellt, ist das Werk von Hummel im einfachen Rahmen deutlich zu erkennen.

Unter den Kunstwerken, die ursprünglich die Wände der Villa von Ingenheim in Hirschberg schmückten, wurde bis heute das Schicksal von lediglich sechs Stück geklärt. Die übrigen sind höchstwahrscheinlich während des zweiten Weltkriegs verschollen. Dies ist anhand von Vermerken im Sammlungsinventar von Ingenheims zu vermuten, das sich im Besitz der Cousins von Elisabeth Mikusch von Buchberg, die im Schloss zu Reisewitz bei Neisse wohnten, befand. Die Besitzerin der Hirschberger Villa starb im Mai 1939. Wenige Monate vor ihrem Tod wandte sie sich an die Einrichtungen, denen sie ehemals Bilder aus ihrer Privatsammlung anbot (u. a. Kaiser-Friedrich Museum in Berlin, Schlesisches Museum der bildenden Künste in Breslau), mit der Bitte, ihr alle Angaben bezüglich der von ihr ehemals besessenen Kunstwerksammlung zurückzusenden, darunter auch die Beschreibungen der Bilder und deren Fotoaufnahmen, die vor zwanzig Jahren mit dem Verkaufsangebot geliefert worden waren. Den Angaben der Museumsmitarbeiter zufolge war eine solche Dokumentation nicht erhalten geblieben. Hatte Elisabeth von Ingenheim in den letzten Tagen ihres Lebens die Familiensammlung vor dem Vergessen retten wollen?

Der Text entstand amhand des Beitrags: M. Palica, Willa Ingenheim w Jeleniej Górze i jej zbiory – krótka historia zapomnianej kolekcji, In: „Rocznik Jeleniogórski”, 37, 2006, s. 229-336.

Project co-financed by Ministry of Labour and Social Policy under Government Project – Civic Benefit Fund.
All information published under license: Creative Commons