Sammlung Carl Sachs

Veröffentlichungsdatum: 13 / 12 / 2009

Beitragsverfasser:
  • Magdalena Palica

Der in Jauer geborene Carl Sachs war einer der ersten großformatigen Sammler, deren sich die jüdische Gemeinde Breslaus erfreuen konnte. Er begann seine Berufspraxis in der sich mit Handel befassenden Firma seines Onkels, deren Sitz sich in Landeshut befand. Nach dem Tod des Verwandten zog er nach Breslau und begann seine Berufstätigkeit im Handel mit Kurzwaren.

Die vorher in Verfall geratende Firma Forell & Co., die sich mit Herstellung und Großverkauf von Kurzwaren, Unterwäsche und Fertigkleidung befasste, verbesserte ihre Handelsumsätze unter Sachs’ Leitung bedeutend und eröffnete ihre neuen Filialen in Berlin und Danzig. Sachs heitratete die Tochter des Betriebsbesitzers, Margarete Forell und zog in die 1907 neu errichtete Villa in der Kleinburgstraße 18/20 (heute ul. Januszowicka) ein. Der Autor des Entwurfs jener Villa war Fritz Behrend. Ihre Innenräume wurden mit Gemälden aus dem Privatbesitz des Sammlers verziert. Unter bedeutendsten Gästen, die in nachfolgenden Jahren die Privatsammlung von Sachs kennen lernen konnten, waren u. a. die Kritiker Julius Maier-Graefe und Karl Scheffler.

Sachs, der Englisch, Französisch und Italienisch fließend beherrschte, verbrachte viele Zeit auf Reisen durch Europa und Nordafrika. Dank lebhaften Kontakten mit bekannten Kunstkritikern und Künstlern bereicherte seine Sammlung sich rasant um neue hervorragende Werke. Bei der Sammlungsgestaltung folgte Sachs häufig den Ratschlägen Loy Henri Delteils, eines Experten für zeitgenössische Graphik, der ihm manchmal bei Erwerbung geholfen hat. Der Sammler kaufte zahlreiche Werke an Kunstauktionen, beispielweise erwarb er zahlreiche Graphikwerke von französischen Künstlern bei der Versteigerung der Sammlung von Tadeusz Natanson. Wohl an der Auktion der bekannten Dresdner Sammlung von Rothermund erwarb Sachs eine der Zierden seiner Sammlung, das hervorragende Porträt der Gräfin Pourtales von Renoir. Sachs versah sich mit Neuerwerbungen auch bei Berliner Kunsthändlern, u. a. bei Cassirer, wo er höchstwahrscheinlich ein anderes hervorragendes Gemälde erwarb – „Porträt Victor Jacquemonts mit Regenschirm“ (heute im Kunsthaus Zürich). Jenes Meisterwerk konnte, mitsamt achtzehn anderen Bildern aus der Sammlung von Sachs, durch Breslauer Bürger in der vierten Ausstellung für Malerei der Gegenwart, die im Schlesischen Museum der Bildenden Künste im Frühling 1911 veranstaltet wurde, bewundert werden. Fünf Jahre später veranstaltete man im Kunstsalon Ernst Arnolds eine Schau, die nur aus Bildern und Graphiken aus der Sammlung Sachs’ bestand. Von dem Arrangement der Kunstwerke in der Villa des Sammlers ist wenig bekannt, es scheint jedoch, sein Sammlungsschwerpunkt war das Gemälde Renoirs „Porträt der Gräfin Pourtalès“ (heute im Museum de Arte de São Paulo), denn die Sachkenner von Sachs’ Sammlung gewähren jenem Bild immer Vorrang. Jene Sammlung wurde durch die Bilder von Courbet, Delacroix, Pissarro und Sisley ergänzt. Einen wesentlichen Sammlungsbestandteil bildeten Werke von deutschen Künstlern, darunter die Bilder von Max Liebermann, Max Slevogt, Lovis Corinth, Hans von Marées und Carl Spitzweg sowie die Skulpturen von Georg Kolbe.

Der Schwerpunkt der Sammlung von Sachs lag doch nicht auf Werken der Malerei. Des Sammlers Hauptinteresse konzentrierte sich um die Graphik. Zahlreiche graphische Werke wurden der Breslauer Öffentlichkeit in der Ausstellung im Jahr 1916 zur Schau gestellt. Man konnte damals u. a. die Werke von Ludwig Richter, Hans von Marées, Käthe Kollwitz sowie die Zeichnungen des bekannten Breslauers Adolph von Menzels bewundern. Die Werke von einheimischen Urhebern wurden durch Graphiken von den zeitgenössischen europäischen Künstlern begleitet, u. a. vom berühmten Belgier Félicien Rops sowie von Franzosen Louis Legrand und Adolphe Willette. Der Sammler begann die intensive Zusammentragung von Graphik und Zeichnungen erst nach dem Ersten Weltkrieg. Die erste große Präsentation von gewählten Werken aus der imposanten Sammlung Sachs’ fand 1929 im Gebäude der Generalkommando in der Schweidnitzer Straße statt. Der Öffentlichkeit standen damals Werke der höchst berühmten europäischen Graphiker zur Verfügung, u. a. von Honoré Daumier, Henri de Toulouse-Lautrec und Edvard Munch. Die Finanzkrise zwang Sachs im Jahr 1931 einen bedeutenden Teil seiner sorgfältig gestalteten Sammlung zu versilbern. Der Sammler nahm in Anspruch die Vermittlung von anerkannten Auktionshäusern Carl Gustav Boerners und Paul Cassirers. Von der hohen Qualität seiner Sammlung von Graphik und Zeichnungen zeugt die Entscheidung der Kunsthändler, die die Versteigerung unternommen haben, davor eine Schaustellung zu veranstalten. Am 22. Oktober ist im Amsterdamer Salon Paul Cassirers die graphische Sammlung des Breslauer Besitzers der breiten europäischen Öffentlichkeit präsentiert worden. Die Ausstellung fand in Berlin (auch bei Cassirer) sowie im Leipziger Museum der Bildenden Künste ihre Fortsetzung, wo am 6. November die Versteigerung stattfand. Es wurden damals die Graphiken (u. a. von Goya, Corot, Munch, Picasso, Toulouse-Lautrec und Whistler) sowie die Originalzeichnungen (z. B. von van Gogh), insgesamt 460 Stücke, ausgestellt.

Carl Sachs war über wenige Jahre in Breslau als hervorragender Sammler berühmt, der die in jener Stadt veranstalteten Schauen durch Werke aus seiner eigenen Sammlung bereicherte. Besondere Anerkennung erwarb er doch im Jahr 1931, wenn er entschied - trotz herrschender Wirtschaftskrise - seine ganze Sammlung von Graphik und Zeichnungen der deutschen Künstler dem Schlesischen Museum der Bildenden Künste zu schenken. Nach der Überreichung wurde in den Innensälen jenes Museums eine Gelegenheitsausstellung veranstaltet. Unter Erwerbungen von besonderem Wert waren Werke von zeitgenössischen Künstlern wie Max Liebermann, Max Slevogt, Lovis Corinth und Käthe Kollwitz, deren Werke vorher in den Museensälen fehlten und an deren die erworbene Sammlung reich war.

Die Wirtschaftskrise am Ende der zwanziger Jahre des 20. Jh. zwang den Breslauer Kunstkenner zum Verkauf einen Teil der Sammlung. Wie wir bereits wissen, entschied Sachs 1931 die Graphiken europäischer Meister zu versilbern. Bedeutende Schwierigkeiten für die jüdischen Sammler begannen bei der Regierungsübernahme durch die Nazis. Sachs, der seit Anfang der dreißiger Jahre Sehprobleme hatte, die für ihn als Kunstsammler tatsächlich schmerzhaft waren, erlebte im Jahr 1933 schlechte Ereignisse. Er wurde aus dem Kuratorium des Schlesischen Museums der Bildenden Künste ausgeschieden, obgleich er jene Einrichtung über viele Jahre unterstützte und obwohl er ihr, trotz wirtschaftlichem Rezess, den wertvollen Teil seiner eigenen Sammlung geschenkt hatte. Vom anerkannten Mäzen wurde er zum unangenommenen Museumsgast. Ganz bald sah er ein, dass seine wertvolle Gemäldesammlung in Breslau nicht mehr sicher war. Bereits im September 1934 beschloss er, vier Bilder im Kunsthaus Zürich in Verwahrung zu geben. Am Anfang des folgenden Jahres gelangten in die Lagerhäuser derselben Einrichtung weitere 22 Objekte, darunter die wertvollsten Leinwandbilder von Courbet, Delacroix, Monet, Pissarro, Sisley und Renoir sowie von den deutschen Künstlern (u. a. Hans von Marées, Hans Thoma, Carl Spitzweg). Die Zwangsgebühren, mit denen die Juden belegt wurden, darunter die Judenvermögensabgabe und Reichsfluchtsteuer wirtschafteten Sachs herunter. 1939 gelang es dem achtzigjährigen Sammler und seiner Frau, in die Schweiz einzuwandern, wo, dank seiner Vorsorglichkeit, sein früher ausgelagerter Sammlungsteil ihn erwartet hat. Vom ganzen Breslauer Vermögen blieben ihm rein 10 Mark zur Verfügung übrig. Für die in Zürich in Verwahrung gegebenen Werke nahm Sachs Kredite, die ihm Unterhalt fürs Leben im Ausland sicherten. Einige Leinwandbilder entschied er endgültig zu verkaufen, durch Vermittlung des Kunsthändlers Fritz Nathans. Das „Porträt Jacquemonts“ von Monet wurde 1939 vom Kunsthaus Zürich erworben, dessen Zierde es bis heute ist. Kurz nach Sachs’ Ausreise wurden die von ihm in Breslau gelassenen Kunstwerke durch den Staat übernommen, trotz der Sammlers Bemühungen um deren Auslagerung ins Ausland (ein Teil gelangte ins Stadtmuseum in Görlitz). Der Sammler verstarb 1943 in der Emigration in Basel.

Der Beitrag entstand aufgrund des Buchs: Magdalena Palica, Od Delacroix do van Gogha. Żydowskie kolekcje sztuki w dawnym Wrocławiu, Wrocław 2010 [im Druck].

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