Sammlung Leo Lewin

Veröffentlichungsdatum: 13 / 12 / 2009

Beitragsverfasser:
  • Magdalena Palica

Der 1881 geborene Leo Lewin war das älteste von sechs Kindern Carl Lewins, eines bekannten Breslauer Herstellers und Großhändlers der Textilprodukte. Die von seinem Vater begründete Firma „C. Lewin“, stellte anfangs männliche Kleidung her. Von dem Erfolg des Unternehmens entschied die Erweiterung des Assortiments um Arbeiter- und Schutzkleidung sowie um Pferdedecken und Plaids, die in Massen hergestellt wurden. Die leitenden Produkte der Firma Lewin konnten von Breslauer Bürgern im Firmengeschäft in der Gartenstraße 7 (heutige Piłsudskiego-Straße) erworben werden.

Während des ersten Weltkriegs bereicherten sich die Besitzer des Unternehmens dank zahlreichen Aufträgen auf Soldatenröcken ganz bedeutend und sicherlich in dieser Zeit begann Leo Lewin, Kunstwerke in großem Ausmaß zu sammeln. Es ist bekannt, dass bereits 1917 seine Sammlung der Gemälde von Max Liebermann und Max Slevogt beträchtlich war. Im selben Jahr kaufte der Kunstsammler eine geräumige Villa in einem imposanten Stadtteil Breslaus, nämlich in der Akazienallee.

Dem Bedarf des neuen Besitzers gemäß wurden die Villeninnenräume umgestaltet. Zu diesem Ziel wurde Oskar Kaufmann, ein bekannter Architekt aus Berlin, herbeigeführt. Manche Innenwände wurden nur sparsam verziert und insofern der neu eingerichteten Gemäldesammlung unterordnet. Die in der Akazienallee liegende Villa ist bald Treffpunkt für verschiedene, mit Lewin befreundete, Künstler geworden. Zu Gast waren bei ihm die beiden Maler – Max Slevogt und Max Liebermann, deren Werke Kern der künftigen Privatgalerie wurden. Infolge dieser Besuche entstanden u. a. die Porträts der Familienmitglieder des Sammlers, gemalt durch die beiden Künstler. Von 1917 an wuchs die Anzahl der Kunstwerke in den Innenräumen der Villa ganz schnell. Manche den Werken hat der Sammler bei den Künstlern persönlich gekauft oder bestellt. Sonstige Einkäufe schloss er dank der Vermittlung der Galerie Paul Cassirers in Berlin ab.

Den Sammlungskern Lewins bildeten Werke deutscher Maler, darunter die zahlreichen Bilder von bereits erwähnten Slevogt und Liebermann. Der dritte Lieblingskünstler Lewins war Bildhauer August Gaul. Der Breslauer Sammler besaß, als Einziger in Breslau, den vollständigen „Kleinen Tierpark“, aus fünfzehn winzigen Bronzen- und Silberfiguren bestehend. Unter den durch den Sammler bei Gaul bestellten Werken war der Brunnen mit Gänsestatuen, eine Zierde des Villengartens in der Akazienallee. Die Zimmer waren mit Gemälden auf Leinwand von Hans von Marées, Wilhelm Trübner, Lovis Corinth, Hans Thoma und Carl Spitzweg geschmückt, sowie mit Skulpturen von Georg Kolbe und Ernst Barlach, die der Sammler persönlich gekannt hat. Lewin sammelte auch Zeichnungen vom in Breslau geborenen Adolph von Menzel, von denen er einige Dutzende zusammentrug. Als Sammlungsjuwel galt Gemälde dieses Künstlers, die „Prozession in Hofgastein” (heute in der Neue Pinakothek zu München). Stolz der Privatsammlung Lewins waren aber nicht die Gemälde von lokalen Künstlern, sondern von europäischen Hauptmalern, u. a. Impressionisten.

Es ist nicht ganz klar, wann sich Lewin entschloss, die Gestalt seiner Sammlung um Werke der Künstler von außerhalb Deutschlands zu erweitern. Zahlreiche Bilder, darunter die Gemälde von Daumier, Manet und Monet , erwarb er in der Dresdener Sammlung von Rothermund, wahrscheinlich 1920. Ein Jahr später, bei der Ausstellung Edvard Munchs in der Berliner Galerie Cassirers, ergriff er Besitz von zwei Landschaftsbildern dieses Künstlers. Zu den frühesten Erwerbungen des Sammlers gehört auch ein Stillleben von Pablo Picasso (heute in der Tate Gallery in London). In der Sammlung von Lewin konnte man auch Werke von der eminenten Künstlerdreifaltigkeit des Realismus bewundern: von Camille Corot (z. B. „Poesie”, heute im Wallraf-Richartz-Museum in Köln), von Honoré Daumier und Gustave Courbet ("Grand Pont” in der University Art Gallery in Yale). In der Sammlung Lewins fehlte auch nicht ein Werk vom bekannten Künstler der Übergangszeit zwischen Realismus und Impressionismus – Édouard Manet. Es handelt sich um die im Sommer 1881 in Versailles entstandene Darstellung eines jungen Stiers auf der Wiese. Die Sammlung wurde mit zwei Porträts von Renoir sowie mit einer Landschaft von Camille Pissarro und einer frühen Bildkomposition von Paul Cézanne bereichert. Ein wirklicher Sammlungsschmuck war das wunderschöne Gemälde von Claude Monet mit den schneebedeckten Weinfeldern bei Moulin d’Orgemont. Die Sammlung von Lewin wurde mit zwei Bildern von Edvard Munch bereichert, die das Interesse des Sammlers für die neuesten Richtungen in der Kunst bezeugten. Beide Gemälde stellen Seelandschaften dar. Eines von denen wurde 1927 an einer Kunstauktion verkauft und gelangte bald ins Baseler Kunstmuseum, wo es bis heute zu sehen ist. Das zweite, jetzt in den Händen eines Privatbesitzers, stellt eine Meeresküste bei Hvitsten dar. Lewin besaß ebenfalls drei Gemälde von van Gogh, von denen Eines als Fälschung erklärt wurde. Als der Breslauer Sammler das Bild erworben hat, wurde es mit fachlichem Befund, dessen Echtheit bestätigend, versehen, verfasst von dem angesehenen Kunstkenner des Malers – Julius Maier-Graefe.

Die Zuschreibungszweifel bezüglich des zweiten Leinwandgemäldes „Garten in Auvers” wurden vor wenigen Jahren ausgetragen und es wurde als eigenhändiges Werk van Goghs erklärt. Das einzige von den van Goghs Gemälden auf Leinwand aus der Sammlung von Lewin, das keine Zuschreibungszweifel übrig lässt, ist die Darstellung eines Statuengipsabgusses , entstanden 1887 während des Aufenthalts des Künstlers in Paris, wo ein von der antiken Kunst inspirierter Zyklus, infolge der häufigen Besuche im Louvre, entstand. In der Sammlung des Breslauer Unternehmers befand sich auch der große Zeichnungsvorrat europäischer Künstler (u. a. von Cézanne, Delacroix, Daumier), verherrlicht durch zwei Zeichnungen Rembrandts. Beide wurden von der Sammlung Wilhelm von Bodes abgekauft, des langjährigen Direktors der Berliner Museen.

Die Wirtschaftskrise in der Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jh., muss auch die Firma von Lewin befallen haben, denn der Sammler entschied schon 1927, einen großen Teil seiner Sammlung zu verkaufen. Die Auktion wurde von zwei bekannten Kunsthändlern, Paul Cassirer und Hugo Helbing, veranstaltet. Der Kunstauktion am 12. April 1927, ging eine dreitägige Kunstexposition im Berliner Salon Cassirers in der Viktoriastraße 35 voraus. Drei Jahre später beschloss der Sammler, weitere Werke aus seiner Privatsammlung versteigern zu lassen. Sobald die Nazis an die Macht gekommen sind, auf deren Veranlassung, Lewin, als Jude, mit zusätzlichen Steuern belegt wurde, entschied der Sammler, die ihm angehörigen Graphikwerke bei der Kunstauktion im Berliner Salon Max Perls zu verkaufen. Vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs wanderte die Familie Lewin, den erhaltenen Habschaftsteil mit sich nehmend, nach Großbritannien aus, wo sie während nachfolgender Jahre die letzten Kunstwerke aus deren ehemaligen Privatsammlung verkaufte. Die Bücher, mit dem charakteristischen, von Max Slevogt entworfenen Exlibris versehen (mit einem Jüngling, zwei launische Pferde festhaltend), aus der reichen Bibliothek, ehemals in der Villa in der Akazienallee untergebracht, kamen auf den Londoner Antiquitätenmarkt in den 1950-er Jahren. Sie sind immer noch in vielen europäischen Antiquariaten zu erwerben.

Dieser Beitrag entstand anhand des Buchs von M. Palica, Od Delacroix do van Gogha. Żydowskie kolekcje sztuki w dawnym Wrocławiu, Wrocław 2009 [im Druck].

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