Sammlung niederländischen Grafik aus dem 16. Jahrhundert des Breslauer Patriziers Jacob Rehdiger

Veröffentlichungsdatum: 28 / 03 / 2011

Beitragsverfasser:
  • dr Aleksandra Lipińska

Die Bestände der Universitätsbibliothek in Breslau, der Nachfolgerin der ersten öffentlichen Bibliotheken der Stadt und der reichen Sammlungen der schlesischen Klosterbibliotheken ist eine unerschöpfliche Quelle faszinierender Forschungsthemen. Die Kriegsverluste und Verstreuung der Sammlungen nach 1945 trugen dazu bei, dass unsere Kenntnis dieser Bestände immer noch lückenhaft ist. Der vorliegende Beitrag, der der Sammlung der niederländischen Grafik des Breslauer Patrizier Jacob Rehdiger gewidmet ist, ist ein kleiner Versuch, diese Lücken zu schließen.

Jacob Rehdiger (1543-1589) war das jüngste von zwölf Kindern von Nicolaus I. Rehdiger und seiner zweiten Frau Anna, geb. Morenberg von Schönborn (1500-1573) und wurde am 24. Juni 1543 in Breslau geboren. Ähnlich wie seine Brüder muss er wohl ein der berühmten Breslauer lutherischen Gymnasien besucht haben. Obwohl eindeutige Quellen fehlen, kann man annehmen, dass es das St. Elisabeth Gymnasium war, in dem auch seine Brüder die ausgebildet wurden. Dem letzten Willen des Vaters Nikolaus I. (gest. 1553) gemäß sollte das Erbe erst mit der Volljährigkeit von Jacob geteilt werden. Bis dahin widmete er sich, wie die meisten seiner Brüder, den Studien: Im Jahre 1562 wurde er in Wittenberg immatrikuliert.

Nach der Aufteilung des Erbes 1564 trat Jacob dem Familienunternehmen bei und im nächsten Jahr machte er sich auf eine Reise nach Antwerpen auf, wo er unter der Aufsicht von Maarten Schuif, dem Rehdigerschen Faktorist in der Stadt an der Schelde, die Geheimnisse des kaufmännischen Berufes kennenlernte. Im Jahre 1566 wurde Jacob zurück nach Breslau berufen. Als Grund dafür gab man eine Lungenerkrankung an, derer Ursache das ungünstige Antwerpener Klima sein sollte. Vielleicht aber war die gefährliche politische Situation in Niederlanden die wahre Ursache der Rückkehr in die heimatliche Stadt. Noch im Jahre 1566 zog Jacob sich aus dem Unternehmen zurück und bekam von seinem Bruder Nikolaus II., der damals die Familienfirma leitete, die Güter Wangern (Węgry), Pollogwitz (Polakowice) i Schliesa (Śleszów). Am 3. Februar 1567 heiratete er aus einer wohlhabenden Familie stammende Anna von Reichel (1547-1611), mit der er sich in einem seiner Landgüter niederließ. Er starb 1589.

Bis heute ist es gelungen, neun Volumina mit einem Provenienzzeichen der Bibliothek Jacob Rehdigers in Breslau zu finden. Davon interessieren uns zwei Alben mit niederländischen Stichen am meisten. Das Erste ist Thesaurus veteris testamenti – die erste Ausgabe der monumentalen Publikation von Gerard de Jode, die 1579 in Antwerpen erschienen ist. Diese Ausgabe von Thesaurus kann als eine Probeedition bezeichnet werden, die nur in wenigen Exemplaren (z. B. in Rijksprentkabinet in Amsterdam und Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel) erhalten ist. Im Jahre 1585 erschien eine um Illustrationen zum Neuen Testament erweiterte Fassung von Thesaurus. Besonderheit des Bilderschatzes von de Jode beruht darin, dass der unternehmerische Verleger die Stiche von der damaligen Auslese niederländischer Künstler in einem Band zusammentrug. Es passierte zum Zeitpunkt der Blüte des Druckgrafikwesens in Antwerpen, kurz vor dem großen Exodus, der später zur Entstehung der künstlerischen Konkurrenzzentren in nördlichen Niederlanden beigetragen hat. De Jode zeigt dreißig Kupferstichfolgen beginnend mit der Geschichte von Kain und Abel, entworfen von Michiel Coxie und gestochen von Johannes Sadeler I (1576), über die Geschichte von Noah von Hans Bol, Geschichte von Jakob von Maarten de Vos, Die zwölf Patriarchen von Crispijn van den Broek, gestochen von Johannes Sadeler I, etc., bis zur Geschichte von Judas Makkabäus von Gerard van Groeningen, gestochen von Hans Wierix. Ausser den Genannten erscheinen in den Kartuschen der Titelseiten jeweiliger Folgen Namen wie Jan Snellinckx, Frans Menton, Maarten de Cleef, Adriaen van Weerdt, Ambrosius Franken, Maarten Heemskerk, Peter van den Borcht, Egidius Quinet, Hans Collaert und Hans Vredeman de Vries. Diese Titelseiten, die einzelne Folgen eröffnen, verdienen besondere Aufmerksamkeit, weil sie viel über den Charakter der Publikation und gleichzeitig über ihren Käuferkreis sagen. De Jode gibt immer die Namen der Inventoren an neben dem Titel und Zahl der Stiche aus der Folge. Der Bilderschatz des Alten Testaments ist also keine Bilderbibel, sondern eine exklusive Publikation für Kenner, die die Fertigkeiten jeweiliger Künstler zu schätzen wissen.

Noch interessanter, aufgrund von seiner Vielfältigkeit, präsentiert sich das zweite Album aus der Sammlung Rehdigers. Das Konvolut beinhaltet 15 Objekte: druckgrafische Serien und einzelne Blätter. Es wird mit zwei genealogischen Büchern eröffnet. Das Erste, mit dem Text von Michael Vosmaer, beinhaltet 36 Bildnisse der Fürsten von Holland, Seeland und Friesland, gestochen nach den Vorzeichnungen Willem Thibauts nach den Bildern aus dem Karmeliterkloster in Haarlem. Dieses Werk wurde 1578 bei Christopher Plantin für Philip Galle gedruckt. Das zweite genealogische Buch ist Bildnisreihe der Grafen von Flandern, geschrieben von Cornelis Martinus van Zeeland, illustriert mit 40 Stichen von Pieter Baltens nach eigenen Vorzeichnungen. Den Zyklus schließt ein interessantes Blatt, dem fehlerhaft eine separate Signatur vergeben wurde, das aber ein Bestandsteil der besprochenen Publikation ist: die Darstellung der Allegorie der Vergänglichkeit irdischer Macht, angefertigt zu dem unten gedruckten Gedicht von Charles de Navieres.

Unter der nachfolgenden Signatur des Konvoluts finden wir die Folge Sieben Tage der Erschaffung der Welt nach Adriaen de Weert, gestochen von Dirk Voolkertsz. Coornhert, versehen mit lateinischen und niederländischen Zweizeilern seiner Autorschaft, was im Fall Coornherts sehr selten ist. Im Album von Rehdigers befindet sich auch die Serie Christus und Aposteln, gestochen von Lambert Zutman (Suavius) nach Lambert Lombard sowie die Passionsdarstellungen verlegt von Johann Sadeler I. Neben Szenen aus dem Alten und Neuen Testament gehörten zum üblichen Repertoire der Grafik auch allegorische Darstellungen. Im Breslauer Konvolut befinden sich drei Folgen von oft zusammenarbeitenden Künstlern: Jan Snellinckx (Inventor), Hans Collaert (Stecher), Gerard de Jode (Verleger): Sieben Todsünden, Sieben Planeten, Sieben freie Künste sowie von Philipp Galle verlegte Folgen Tugenden und Laster und Die Sinne (nach Hendriek Goltzius).

Ein notwendiger Bestandsteil der Ausbildung eines Mitgliedes der intellektuellen Elite war selbstverständlich auch Kenntnisse der Antike. Der Zyklus Bildnisse römischer Kaiser nach Entwürfen von Hans Vredeman de Vries, der sich im besprochenen Album befindet, konnte also als eine bildliche Ergänzung der Lektüre der römischen Geschichte von Titus Livius und der Kaiserbiografien von Gaius Suetonius Tranquillus, die in der Rehdigerschen Bibliothek vorhanden waren, dienen. Die mythologische Thematik ist dagegen in der Serie mit Darstellungen von Akteuren des Urteils des Paris präsent.

Die vermutlichen Schicksale der Bibliothek Jacob Rehdigers, rekonstruiert aufgrund von den Besitzerzeichen in den nur neun erhaltenen Volumina, zeigen, wie kompliziert die Wechselfälle schlesischer Sammlungen waren. In dem Werk von Caspar Cunradus Silesia Togata ließ ein unbekannter Leser, vermutlich aus dem 18. Jh., bei Lebenslauf Jacob Rehdigers die folgende interessante Notiz: “Pretisissimae aenitissimae Bibliotheca Collector que post fata eius ad Jesinsiam familiam emptionis jure puenit”. Auf diesem Grund behauptete man, dass die Bibliothek von einem der Mitglieder der Familie Jessinsky von Gross-Jessen erworben wurden. Auf den erhaltenen Exemplaren fand man jedoch keine Provenienzzeichen, die darauf hinweisen, dass Rehdigersche Bücher dieser in Schlesien niedergelassenen Familie gehörten.

Der nachfolgende Aufbewahrungsort der Sammlung Jacob Rehdigers sollte laut Oskar Pusch die Bibliothek des Zisterzienserklosters in Henrichau sein. Tatsächlich ein der Bände mit dem Supralibros Rehdigers (mit u. a. Epigrammata von Janus Dousa) wurde mit einem Eintrag der Heinrichauer Bibliothek versehen (Liber B. V. M. in Heinrichau. Bibliotheca inscripty No 1729). Alles deutet aber darauf hin, dass die Sammlungen Redigers verstreut wurden, ein Teil der Bücher trägt nämlich den Stempel der Bernardina, der ehemaligen Bibliothek der St. Bernardin Kirche in Breslau, die - wie auch andere schlesische Klosterbibliotheken – in die Bestände der Breslauer Hauptbibliothek (ab 1865 Stadtbibliothek) eingegliedert wurde, ein anderer Teil hat Stempel der Rehdigerana und der Bibliothek an der Maria Magdalena Kirche in Breslau. Besonders verwickelt war das Schicksal des oben beschriebenen Thesaurus des Alten Testaments, dessen erster Besitzer wahrscheinlich ein gewisser Johann Christian Köglender war (sein Eintrag, versehen mit dem Datum 1579 finden wir auf dem Frontispiz), der zweite Jacob Rehdiger (der die Anfertigung es Einbandes veranlasste), der dritte Rektor und Bibliotekar von Elisabethaneum - Gottlob Kranz (1660-1733), der vierte – die Bibliothek an dem Magdaleneum, und der letzte die Breslauer Stadtbibliothek und seine Nachfolgerin Universitätsbibliothek.

Zwei Alben niederländischer Grafik, zusammengetragen von Jacob Rehdiger sind heute das älteste Beispiel einer Sammlung dieses Typus aus dem 16. Jahrhundert in Breslau und, nach meinem Wissen, auch in Polen, zugleich eine der wenigen in Europa. Die zweitälteste in Breslau erhaltene grafische Sammlung wurde schon im 17. Jahrhundert von Architekten Albrecht von Saebisch (1610-1688) zusammengetragen und dann der St.-Elisabeth-Bibliothek vermacht.

Die bis heute erhaltenen 104 Alben enthalten einige tausend deutsche, französische, italienische und niederländische grafische Blätter, darunter sich Arbeiten der gleichen Künstler befinden, denen wir in der Sammlung Jacob Rehdigers begegnen: Hans Vredeman de Vries, Peter Baltens, Crispijn van den Broek, Hendriek Golzius, Gerard de Jode, Philipp Galle u. a. Beide Sammlungen, bevor sie, ähnlich wie die im 17. und 18. Jahrhundert durch Karel Žerotin (1564-1636), Franz Pautschner, Ernst Beniamin von Loewenstaedt (gest. 1729) zusammengetragene Grafiksammlungen, der Breslauer Stadtbibliothek aufgenommen wurden, wechselten einige Male den Besitzer. Zum Schluß soll nochmal hervorgehoben werden, dass die heute relativ bescheidene Sammlung niederländischer Grafik Jacob Rehdigers ist die älteste bekannte in Polen und einer der wenigen in Europa Sammlungen diesen Typus. Mindestens aus diesem Grund verdient sie unsere Aufmerksamkeit.

Dieser Text entstand auf Basis der Magisterarbeit, geschrieben unter der Leitung von Prof. Stefan Kiedroń im Institut Niederländische Filologie (Katedra Niderlandystyki im. Erazma z Rotterdamu) an der Breslauer Universität im Jahre 2002.

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