Von Delacroix bis van Gogh – die Sammlung Max Silberbergs

Veröffentlichungsdatum: 13 / 12 / 2009

Beitragsverfasser:
  • Magdalena Palica

Wenn im dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, ein durchschnittlicher, an Kulturleben interessierter Bürger Breslaus gefragt worden wäre, wo in dieser Stadt die bedeutendste Privatkunstsammlung zu suchen wäre, hätte er keine Zweifel. Er hätte sicherlich die am Rand des Südparks stehende Villa genannt, deren Inhaber ein wohlhabender jüdischer Unternehmer namens Max Silberberg war.

Die von ihm gestaltete Kunstsammlung war Stolz der Stadt und gleichzeitig Aufenthaltsziel zahlreicher Kunstkenner. Diejenigen, die Glück hatten, die von Silberberg gestaltet,e Sammlung persönlich zu betrachten, bezweifelten nie deren Begründer, mit bedeutendsten Sammlern jener Zeit zu vergleichen, z. B. mit dem Bankier Andrew Mellon, deren Kunstsammlung Keim der heutigen Washingtoner Nationalgalerie war.

Max Silberberg erblickte das Licht der Welt im Jahr 1878, in der Familie eines Schneidermeisters im brandenburgischen Ort Neuruppin. Er muss ein intelligentes Kind gewesen sein, wenn seine Familie beschloss, sich Finanzmühe für seine gymnasiale Ausbildung zu geben. Als er Wehrdienst abgeschlossen hat, siedelte seine Familie, d. h. sein Vater Isidor und seine Schwester Margarete nach Beuthen über. Höchstwahrscheinlich hat dort der hoch begabte Jüngling seine Handelsausbildung gewonnen. 1902 wurde er als Prokurist in der vier Jahre zuvor begründeten Firma „M. Weissenberg“ eingestellt, die sich anfangs mit Handel und Anfertigung von Öfen, Schamottziegeln und Magnesiterzeugnissen befasste. Jenes Unternehmen entwickelte sich in großem Ausmaß und wurde zum Potentat am europäischen Markt dieser Produkte. Kurz nach dem Arbeitsbeginn heiratete Max Silberberg die Tochter des Firmenbegründers, Johanna Weissenberg. 1906 erblickte das Licht der Welt deren einziger Sohn, der mit dem Namen Alfred getauft wurde. In derselben Zeit begannen die Kunstinteressen des Fabrikanten zutage zu treten.

Der Sammler begann mit Erwerben von Werken Wilhelm Leibls und der Künstler aus seinem nächsten Kreis. Er verbreitete allmählich sein Interesse auf andere Heimatkünstler (untere denen waren Carl Schuh, Hans Thoma, Wilhelm Trübner und Hans von Marées). Jedoch waren die Bilder, die Silberberg gesucht hat, schwer zu erwerben, vor allem wegen großer Konkurrenz unter Museen und anderen Privatkunstsammlern. Dieser Umstand, nach der Meinung Paul Abramowskis, Verfassers eines Beitrags über die Breslauer Sammlung, mag den Beschluss Silberbergs beeinflusst haben, um die „einfacher kaufbaren“ Werke hoher Qualität von französischen Meistern in seine Sammlung mit einzubeziehen. Der Sammlungsteil, aus Werken von Impressionisten bestehend, entstand bereits in Breslau, wo die Familie Silberberg 1920 übersiedelt hat. Der Sammler war damals Mitbesitzer des Unternehmens „M. Weissenberg“ und verwaltete dessen Filialen in Schweidnitz und Düsseldorf. Seine Wohlstandsebene bezeugen die imposanten Dimensionen der von ihm erworbenen Villa in der Landsbergerstraße 1-3 (heute ul. Kutnowska), sowie bezeugt es die Tatsache, dass zur Ausschmückung des Speisesaals, der anerkannte Künstler, gleichzeitig Direktor der Breslauer Kunstakademie, August Endell berufen wurde. In jenem, in künstlerischer Hinsicht einheitlichen Raum, wurden die modernistischen Gemälde, u. a. die „Brücke in Trinquetaille“ van Goghs, „Lektüre“ Renoirs sowie „Jas de Bouffan“ Cézannes zur Schau gestellt. Im selben Saal wurde eine Vitrine mit alten Kunstgewerbestücken eingerichtet.

Die Innenwände der prunkhaften Villa von Silberberg wurden durch insgesamt zweihundertfünfzig Kunstwerke verziert, darunter durch zahlreiche Werke der Impressionisten. Der Besucher konnte mindestens fünf Leinwandbilder von Pierre-Auguste Renoir bewundern, überdies standen ihm mindestens drei Bilder von Édouard Manet und Paul Cézanne, je zwei Gemälde von Claude Monet und Camille Pissarro und einige Pastellbilder von Edgar Degas zur Verfügung. In der Sammlung waren auch Werke von Auguste Rodin, Vincent van Gogh oder Pablo Picasso vorhanden und unter den Künstlern älterer Generationen waren dort Eugène Delacroix, Gustave Courbet und Jean-Baptiste Camille Corot mit deren Bildern vertreten. Heute sind die Gemälde aus der Breslauer Sammlung in führenden Museeneinrichtungen der Welt vorhanden, z. B. in den Pariser Musée d’Orsay und Louvre, in der St. Petersburger Eremitage, in der Washingtoner Nationalgalerie, bzw. im Museum of Modern Art in New York. Im New Yorker Museum kann man heute eine wunderschöne Zeichnung van Goghs, den Olivenhain bei Saint-Rémy darstellend, bewundern, die sich bis 1999 in der Berliner Nationalgalerie befand und war eines der ersten Werke, die den legitimen Nachkommen zurückerstattet wurden, anhand der Washingtoner Erklärung über verlorenes Vermögen während des Zweiten Weltkriegs. Die Stiftung Preußische Treuhänderschaft, die den Besitz des Berliner Museums verwaltete gestand, dass die Auktion der Kunstwerke aus der Sammlung Silberbergs, die im Jahr 1935 im Berliner Paul Graupe Salon stattfand, gezwungen war. Die Zeichnung van Goghs wurde der Sammlers Schwiegertochter Gerta Silberberg erstattet, die beschloss, dasjenige Werk im Londoner Sotheby Salon zur Versteigerung zu erstellen. Dort gewann jene Zeichnung den Versteigerungspreis in Höhe von 8,5 Millionen Dollars, einen der höchsten Preise in der Geschichte für ein Werk auf Papier! Zum Vergleich wäre zu ergänzen, dass das Gemälde desselben holländischen Künstlers, auch „Die Brücke in Trinquetaille“ betitelt, auch ehemals in der Breslauer Sammlung von Silberberg vorhanden, gewann 1987, im Konkurrenzauktionshaus Christie’s in London, einen Preis in Höhe von 20,24 Millionen Dollars und ist insofern zum dritten teuersten Gemälde van Goghs in der Geschichte geworden (nach seinen „Irisblumen“ und „Sonnenblumen“). Es lässt sich zumindest annähernd vorstellen, welchen Wert die Sammlung Silberbergs hatte.

Am Anfang des dritten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts wurden die Sammlungen Silbebergs auch außerhalb der Stadtgrenzen Breslaus berühmt, dank zahlreichen Pressebeiträgen, deren Verfasser entzückt von der Sammlung berichteten. Ermutigt durch begeisterungsvolle Berichte der Kenner, klopften an die Tür der Breslauer Villa die bekannten Kritiker und Kunstliebhaber an. Bei Silberberg verweilte u. a. Ludwig Justi, Direktor der Berliner Nationalgalerie sowie Julius Maier-Graefe, der bekannte Kunstkritiker. Für die Gäste wurden thematische Vorlesungen veranstaltet, die oftmals durch bekannte Mitarbeiter des Schlesischen Museums der bildenden Künste, wie Heinz Braune und Erich Wiese gehalten wurden. Jedoch sogar für diejenigen Kunstliebhaber, die in Breslau nicht persönlich eintreffen konnten, bestand eine große Möglichkeit, jene Gemälde oder Skulpturen aus der Sammlung Silberbergs in einer der Kunstmetropolen zu sehen, wo sie öfters in den Ausstellungen präsentiert wurden.

Die Finanzkrise zwang den Sammler einen Teil seiner Sammlung 1932, im Pariser Salon Georges Petit zu versilbern. Drei Jahre später wurde ihm, als jüdischem Bürger befohlen, seine prunkvolle Villa zu verlassen. Das Gebäude diente seitdem den Sicherheitsdiensten der NSDAP. Dem Sammler wurde eine kleine Wohnung in der Kurfürstenstraße 28 (heute ul. Racławicka) zugeteilt, in der nicht genügend Raum weder für seine imposante Sammlung, noch für die umfangreiche Bibliothek war. Von den meisten Werken aus seiner Sammlung trennte er sich durch Vermittlung des Berliner Salons Paul Graupe, bei einigen Kunstauktionen, die 1935 und 1936 stattgefunden haben. Bei diesen Versteigerungen wurden insgesamt mehr als 160 Kunstobjekte ausgestellt. Zum klaren Zeichen der sich immer verschlechternden Situation der jüdischen Volksgemeinschaft wurde die sog. „Kristallnacht“, wo der einzige Sohn Silberbergs verhaftet und zum seit ungefähr einem Jahr wirkenden Konzentrationslager in Buchenwald abtransportiert wurde. Glücklicherweise wurde der jüngere Silbeberg nach wenigen Tagen freigelassen, doch unter der Bedingung, dass er das Land in Kürze verlassen würde. 1939 reiste er mit seiner Frau Gerta nach Großbritannien aus. Max Silberberg und seine Ehegattin Johanna, entschieden, trotz schwerer Wirtschaftsbedingungen (deren Unternehmen wurde ein Jahr vorher durch den Staat beschlagnahmt), in Breslau zu bleiben. Sukzessiv wurden sie gezwungen, sich von deren Kostbarkeiten und unzahlreichen, in deren Händen verbliebenen Kunstwerken zu trennen. 1941 traf das jüdische Ehepaar Silberberg im jüdische Lager in Leubus ein, anschließend über Theresienstadt gelangten sie nach Auschwitz, wo sie beiden ermordet wurden.

Die Sammlung, von Max Silbeberg gestaltet war atemberaubend. Wenn die Kunstwerke, von jenem jüdischen Industierunternehmer und anderen ihm zeitgenössischen Breslauer Sammlern (u. a. Leo Lewin und Carla Sachs) versammelt, bis heute in Breslau bewundert werden könnten, wäre es die hochwertigste Gemäldegalerie des Impressionismus in diesem Teil Europas.

Dieser Beitrag entstand anhand des Buchs von: Magdalena Palica, Od Delacroix do van Gogha. Żydowskie kolekcje sztuki w dawnym Wrocławiu, Wrocław 2010 [im Druck].

Project co-financed by Ministry of Labour and Social Policy under Government Project – Civic Benefit Fund.
All information published under license: Creative Commons