September 2010: Giovanni Bellini "Bildnis eines Mannes mit rot"

Veröffentlichungsdatum: 28 / 07 / 2010

Beitragsverfasser:
  • Magdalena Palica

Das ehemals im Besitz der Familie von Ingenheim befindliche Porträt, gemalt von Giovanni Bellini, stellt höchstwahrscheinlich einen venezianischen Patrizier Girolamo Priuli dar. Bei der Identifizierung des Porträtierten, die neulich durch einen italienischen Experten Lorenzo Finocchi Ghersi vorgeschlagen wurde, war eine unübliche Kopfdeckung des Jünglings hilfreich.

Das antikisierende mazzocchio, mit charakteristischem Gewebegürtel, auf die Schultern hinauffallend, welches den venezianischen Geschlechtern mit langer und edler Sippengeschichte vorbehalten war, kam im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts außer Gebrauch. Das Tragen durch einen jungen Mann, einer damals so altmodischen Kopfdeckung, kann aller Wahrscheinlichkeit nach, als Lust aufs Betonen seiner Angehörigkeit zum Geschlecht mit jahrhundertlanger Sippengeschichte betrachtet werden. Girolamo Priuli wurde durch Bellini mit einem ähnlichen mazzocchio verewigt, in der ersten Version des Bildes „Letztes Abendmahl“ von 1513, das sich in der venezianischen Kirche San Salvador befindet (und beweist gleichzeitig die andauernde Vorliebe für jene Art Kopfdeckung, die seit vielen Jahrzehnten außer Gebrauch war).

Vor der Zeitperiode Bellinis, schränkten sich die venezianischen Porträts prinzipiell auf Bildnisse der Dogen ein, welche nach der Wahl einzelner Dogen, in der Sala del Maggior Consiglio im Palazzo Ducale aufgehängt wurden. In großformatigen Bildkompositionen von religiösen Themen, wurden ebenfalls die Stifterfiguren mit charakteristischen physiognomischen Zügen platziert. Die Darstellungen einzelner Privatleute erschienen erst im achten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, als sich beim Ponto Rialto, die eigene Werkstatt Giovanni Bellinis in Tätigkeit setzte. Die Wahl jenes Ortes war strategisch, es handelte sich nämlich ums Geschäftszentrum der Venezianischen Seerepublik, welches vollkommen zur Werbung für Kunden, insbesondere unter ankommenden, wohlhabenden Kaufleuten, geeignet war. Die Werkstatt des Giovannis Vaters, Jacopo Bellini, später durch Giovannis älteren Bruder Gentile übernommen, befand sich in der Nähe vom Dogenpalast – d.h. vom Regierungssitz. Der vernünftige Verbreitungsplan des Familiengeschäfts sowie die Teildiversifizierung dessen Angebote, sollte größere Konkurrenz schaffen, für den Hauptrivalen der Malerfamilie Bellini, nämlich fürs Geschlecht Vivarini, aus nahe liegendem Murano stammend (ihr eindeutiger Wettbewerb äußerte sich zumindest bei der Bewerbung um Prestigeaufträge für Ausschmückung des Palazzo Ducale). Die Porträts, vom jüngsten Vertreter der Malerfamilie Bellini geschaffen, sollten sein charakteristisches Werkstattzeichen und gleichzeitig Zeugnis deren Fortschrittlichkeit sein, im Gegensatz zur traditionsgemäß wirkenden Werkstatt der Familie Vivarini, die überwiegend religiöse Gemälde schuf (öfters mit reichlicher Verwendung von Gold in Ornamentierung und Hintergründen, worauf deren Konkurrenten verzichtet haben). Giovanni Bellini genoss in kurzer Zeit Ansehen als Porträtist und trug zur bedeutenden Verbreitung dieser Art Malerei in Venedig bei, was seine zahlreichen Werke (z.B. eines der frühesten, bis heute erhaltenen Bildnisse – Bildnis Jörg Fuggers von 1474) bezeugen und worauf die Worte Vasaris hinweisen: „Und da er mit besonderer Gabe fürs Schaffen der Gemälde aus reiner Natur beschenkt wurde, führte in Venedig einen Gebrauch ein, nach dem jeder von ihm oder von einem anderen Maler porträtiert wurde, der irgendwelche Bedeutung hatte“.

Das Schaffen Bellinis erfreute sich über Jahrhunderte, hohen Interesses in seiner Familienstadt. Zahlreiche Bildkompositionen von ihm besaß in seiner Sammlung der Doge Andrea Vendramin; unter denen befand sich sicherlich auch das präsentierte Porträt Girolamo Priulis (im 1627 niedergeschriebenen, bebilderten Inventar seiner Sammlung, befindet sich eine Skizze, die dem „Jungen Mann mit rot“ sehr nahe steht). Am Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte jenes Gemälde in die Sammlung Gustav Adolph von Ingenheims und nach einer Jahrhunderthälfte wurde es durch seine Nachkommen, in die neue Geschlechtsresidenz in Reisewitz bei Neisse überführt. Seitdem wurde es zweifelsohne eines der schönsten Beispiele der frühen venezianischen Porträtmalerei, die in den Privatsammlungen Schlesiens bewundert werden konnten.

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